Dr. med. Martin Teichert | Dr. med. Corinna Middendorf

Gesundheitspolitik


Offener Brief von den nichtärztlichen Mitarbeitern unserer Praxis für alle Interessierten zur aktuellen finanziellen Situation


Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wenden uns heute an Sie, um auf die Situation der ambulanten ärztlichen Versorgung im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie im Ortenaukreis aufmerksam zu machen. Seit dem 01.01.2008 wurde der Honorarverteilungsmaßstab (HVM), d. h. der Vertrag zwischen Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg und der Krankenkassen, zwischen 20 und 30 % gekürzt. Mit dem bisherigen Honorarvolumen war eine äußerst sparsame und gleichzeitig ausreichende und zielgerichtete Basisversorgung möglich. Die neuen Punktzahlgrenzvolumina ab 01.01.2008 stellen keine Basis für eine ausreichende Behandlung unserer Kinder und Jugendlichen mehr dar.

Unsere Praxis liegt im Ortenaukreis, der flächenmäßig der größte Kreis in Baden-Württemberg ist. Hier leben fast 400.000 Einwohner, davon 20% Kinder, die alleine von unserer Praxis kinder- und jugendpsychiatrisch sowie sozialpsychiatrisch versorgt werden. In der wissenschaftlichen Literatur geht man von ca. 10-15% abklärungsbedürftigen Kindern und Jugendlichen aus. Bei ca. 5% liegt eine behandlungsbedürftige Krankheit vor. Für unseren Landkreis bedeutet das, dass ca. 4000 Kinder zu einem Zeitpunkt behandlungsbedürftig sind. Die gesamte Kapazität unserer Praxis ist aber nur auf 900-1000 Patienten / Quartal ausgelegt.

Eine Alternative zu einer Behandlung in unserer Praxis gibt es für unsere Patienten im Radius von 35 km nicht (die Ambulanz der Klinik an der Lindenhöhe, Offenburg hat - wie alle Institutsambulanzen - eine auf besondere Störungsbilder begrenzte Ermächtigung; die Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern haben Beratungsfunktion, dürfen keine Therapien längerfristig übernehmen und sind nicht für psychiatrisches Klientel konzipiert, auch wird dort keine umfangreiche Diagnostik durchgeführt). Eine kleine Anzahl von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten verfügt in aller Regel über keine freien Plätze; hauptsächlich analytisch arbeitende Therapeuten behandeln durchschnittlich eine Patientenzahl von 30 / Quartal. Sie sind somit versorgungstechnisch leider nicht relevant. Die Berufsgruppe der niedergelassenen Heilpädagogen gibt es nicht, da der Landkreis Ortenau die Frühförderung ausschließlich durch kreiseigene Frühförderstellen durchführen lässt.

Für die Behandlung eines Kindes /Jugendlichen standen uns im ersten Quartal 2008 (Punktwert 3,2 Cent) ca. 116 Euro zur Verfügung. Häufig sehen wir unsere Patienten 8 bis 12 mal in diesen 3 Monaten. Zusätzlich gibt es Kontakte zu Eltern, Schule, Jugendamt, etc. Somit erhalten wir für einen 45-Minuten Termin ca. 11 Euro. Jedes Gespräch wird von uns vorschriftsmäßig dokumentiert. Um die Qualität unserer Arbeit zu sichern, nehmen wir zusätzlich regelmäßig an Fortbildungen und Supervisionen teil, deren Kosten wir selbst tragen.

Die oben beschriebenen Kürzungen führen dazu, dass in bald absehbarer Zeit die Fortführung unserer Arbeit nicht mehr möglich sein wird. Neben dem Verlust unserer Arbeitsplätze (12 Behandler, 4 Bürokräfte) wird dies zur Folge haben, dass die Kinder und Jugendlichen nicht mehr adäquat behandelt werden können.

Auf die Kommunen wird dadurch eine wachsende Belastung, sowohl personell als auch finanziell, zukommen, da die Kliniken und Jugendhilfeeinrichtungen diesen Bedarf auffangen müssten, was aus unserer Sicht derzeit nicht möglich scheint.

Wir können nicht nachvollziehen, wie bei den gegenwärtigen Diskussionen um Kindesmissbrauch und -vernachlässigung, Drogenkonsum, wachsenden Alkoholabusus bei Kindern und Jugendlichen sowie einer zunehmenden Verschärfung der Schulsituation durch vermehrt auffällige Kinder etc. solche Kürzungen politisch zu rechtfertigen sind.

Da in unserer Praxis bislang sehr kosteneffizient gearbeitet wurde (die Klinikambulanz erhält im Vergleich bei zwei und mehr Terminen pro Quartal 400 Euro) erscheint uns diese "Sparmaßnahme" umso unbegreiflicher.

Wir bitten Sie dringend, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die weitere Versorgung der Kinder und Jugendlichen stark zu machen und mit den Verantwortlichen für eine entsprechende Veränderung des Finanzierungssystems in Kontakt zu treten.

Mit freundlichen Grüßen

Das Mitarbeiterteam der Praxis:

Dipl.-Sozialpädagoge Thomas Brühl
Dipl.-Psychologin Doris Erbe
Dipl.-Heilpädagogin Silke Haushalter
Dipl.-Heilpädagoge Uli Heim
Dipl.-Heilpädagogin Andrea Himmelsbach-Schaub
Dipl.-Psychologin Claudia Kunstleben
Dipl.-Sozialarbeiterin Inge Philippen
Dr. phil., Dipl.-Psych. Inge Schrempp
Dipl.-Psychologin Simone Stephan
Dr. phil., Dipl.-Psych. Vera Thiele, Psychologische Psychotherapeutin
Dipl.-Motologe Norbert Vogel
Dipl.-Psychologin Hilde Westermann-Duttlinger


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